Der Penis lügt nie: schwulbuch.wordpress.de

Notizen aus einem schwulen Leben


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Kernkraftwerke und Lolitas

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Treuen Leser*innen dürfte meine Liebe zu Japan bekannt sein. So oft schrieb über dieses einzigartige Land, dass es manchem schon auf den Reissack gehen dürfte. Weniger bekannt dürfte hingegen meine zweite Liebe sein, sozusagen meine Affäre im Bereich der Liebe zu Ländern.

Apropos Affäre: Beim Staatsakt zur Beerdigung von Francois Mitterand war allen klar, dass hinter Witwe und Kindern, die Geliebte den Trauermarsch mit anführte. Frankreich schätze ich vor allem wegen seines augenzwinkernden „Oh là là“  in Liebesdingen. So haben z. B. 40 % aller Franzosen schon mal an einer Orgie teilgenommen, die Deutschen patzen in dieser Disziplin mit keuschen  8 %. Nicht nur deshalb sind französische Männer immer wieder ein guter Grund, den Glauben an den Sex nicht zu verlieren und die Hand voll Schlaftabletten wieder ins Röhrchen zurück zu kullern. Selber probieren, lautet hier mein Rat.

In Japan, jenem Land, in dem die Toiletten eine Steuerungsanlage besitzen, mit der man auch einen Kampfjet kommandieren könnte, finde ich die Frauen faszinierender. Ihre Art, sich zu bewegen, ihre Kleidung, die beneidenswerte Kunst, wie sie ihr Haar tragen, sind einfach hinreißend. Keinem Besucher dürften die jungen Japanerinnen entgangen sein, die in kurzem Röckchen und langen Strümpfen kleine Lolitas sind. Und wer hat dieses Ideal erfunden? Natürlich.

Würden in meinem Hinterhof Ufos landen und die Besucher mich fragen, was man sich hier denn so angucken kann, würde ich ihnen sagen, dass Frankfurt zwar ein ganz guter Anfang ist, aber wenn sie etwas über die Menschheit lernen wollten, würde ich sie wegen der Liebe nach Frankreich schicken, und wegen der Technik nach Japan.

Heute Morgen ist mir aufgefallen, dass ausgerechnet diese beiden Länder wohl das engste Verhältnis zur Kernkraft auf der Welt haben. Komisch, oder?

Aber im acht Zeitzonen durchgequerten Jetlag macht man sich so manchen komischen Gedanken. Es sei denn, man starrt gerade auf einen schönen Penis – so wie ich gestern in der Hotelsauna hier in Tokio. Und nun raten Sie mal, woher der attraktive Mann kam, der stolzer Besitzer dieser Augenweide war? Richtig, ein französischer Kollege.

Während unsere schwitzenden Hintern auf der Saunabank von Polstern umplüscht wurden, unterhielten uns über die Schönheit Japans und die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich. Und er versicherte mir schwärmend, dass die deutsche Sprache die schönste der Welt wäre, schließlich wäre sie die Heimat von Goethe und Schiller und Mozart und Strauß und Liszt und … Er zählte weiter auf, während ich geistig ausstieg, weil ich eine Erektion unterdrücken musste. Er fand Deutschland großartig und ich hatte Angst, er könnte denken, ich würde es geil finden, Deutscher zu sein. Dabei war es eher eine gewisse Größe dieses Vertreters der Grande Nation, die mich beschäftigte.

Und wie beim Sex vor einer Kamera hilft auch hier der Blick von außen, die Dinge im rechten Licht zu betrachten: Deutschland ist ein tolles Land. Es gibt hier hinreißende Frauen, hinternreißendere Männer und viel Technik. Windkraft- und Solaranlagen zum Beispiel. Auch unserem Verhältnis zur Kernkraft stimme ich zu – es ist wie mit Donald Trump und seinen Haaren: irgendwie faszinierend, schwer zu kontrollieren und potentiell verheerend.

Falls Sie sich jetzt fragen, wie die Episode mit dem französischen Beau  ausging – es ist nichts passiert. Wir verabschiedeten uns lächelnd und wünschten einen guten Rückflug. Aber trotzdem grinste ich, denn eine gewisse erotische Spannung lag durchaus in der Luft. Und ich bewunderte mal wieder die deutsche affärenaffine Lolita in mir, denn obwohl ich hundemüde war, versorgte sie mich im Angesicht eines schönen Uranstabes wie ein schnurrender Atomreaktor mit genug Energie, um mich interessiert zu unterhalten. Lolitas sehen einfach mehr von der Welt. Das dürfte in allen Ländern gleich sein.


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Celine Dions G-Punkt und Ich-Botschaften

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Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern ist meiner Meinung nach das Verhältnis zum Sex und welche Voraussetzungen für den Tanz der Tänze gegeben sein müssen. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass ich auch mit Männern tollen Sex habe, die ich nicht leiden kann. Als Reaktion auf diese Information erhalte ich von weiblichen GesprächsteilnehmerInnen meist eine hoch gezogene Augenbraue.

Na gut, meistens bemerke ich die Abneigung erst hinterher, als sich vorhin zum Beispiel mein Hotel-Besucher in Atlanta als Trump-Supporter outete, während er seine Hose wieder anzog. Autsch. Vorher hatte die Hormon-Brille für eine entsprechende Fokussierung meiner Aufmerksamkeit gesorgt und die unsympathischen Teile ausgeblendet. Und wichtige betont.

Ich glaube eine Ausnahme meiner These vom voraussetzungsarmen männlichen Sex-Drive ist die Tatsache, dass ich mit Celine Dion nicht unbedingt schlafen möchte. Weniger weil sie mir unsympathisch wäre, es ist einfach nicht meine Art von Musik, etwas zu soft. Und auch wenn ich gleich von Celine-Fans unsoft verkloppt werde, so haben ihre Songs für meinen Geschmack immer etwas von Weichzeichner und zu viel Photoshop.

Eine Bestätigung meiner These hingegen war neulich ein Besuch in Tel Aviv. In dieser Stadt gewordenen Unterwäsche-Model-Flatrate fand ich so viele Typen heiß, dass meine Kolleginnen schon schmunzelten. Und die vielen Männer konnte ich unmöglich alle mögen. Die meisten blickten auch nicht gerade soft, und ich fand sie deswegen vielleicht sogar noch etwas geiler.

Etwas weniger geil fand ich einen Chat mit einem durchaus heißen Israeli, der meinte, er wäre horny und ein bisschen high. Mit dieser Nachricht einen Chat zu eröffnen, irritierte mich. Ich habe dann auch nicht mit ihm geschlafen. Beim Thema Drogen neige ich eh zum Verhalten eines 13-jährigen Teenagers. Ich möchte cool sein, aber es gelingt mir nicht so recht. Also fragte ich etwas unbeholfen, was ihn denn high machte und hoffte auf eine unerwartet berauschende Wirkung meiner neuen Nacktfotos oder zumindest eines Joints. Doch er schrieb nur G.

Nun weiß ich nicht mal, was G bedeutet – und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht besonders. Um andere Vorlieben dadurch nicht zu entwerten, muss ich an dieser Stelle wohl wie bei der Bewertung von Celines Musik zu einer klassischen Ich-Botschaft greifen: Drogen und Sex haben für mich ein ähnliches Verhältnis zueinander wie Geld und Sex. Für manche gehört es zusammen, für mich beschädigt das eine das andere. Und meistens ist es der Sex, der geschmälert wird. Denn ist Sex nicht gerade deshalb etwas unglaublich Schönes, weil es manchmal so geil ist, dass man die Hemmungen verliert? Es mag der einfachere Weg sein, sich vorher diese Hemmungen chemisch zu zerschießen. Aber im Leben ist die Abkürzung oft weniger befriedigend, weil es doch die Anstrengung ist, die den Lohn definiert.

Guter Sex, so wie ich ihn z. B. heute nacht mit Mr. Trump-Supporter hatte, besteht für mich darin, dass die Chemie zwischen beiden stimmt, die Rauferei auf den Laken heftiger wird, man sich langsam steigert, weil man merkt, dass da etwas zwischen beiden passt, wenn Botenstoffe und Rezeptoren miteinander kopulieren. Und wenn dann die Sicherungen raus fliegen. Dafür müssen die Sicherungen jedoch erst mal drin gewesen sein.

Komischerweise dachte ich nach der „G“-Antwort, dass meine einzige Droge Musik ist (in törichter Realitätsverkennung, dass meine E-Zigarette mittlerweile ein häufigerer Gast in meiner Hand ist als mein Smartphone oder mein Penis).

Und in der berauschenden Wirkung von Musik auf meine Stimmung sticht ein Lied besonders hervor. Alle Mann festhalten: Es ist Celine Dions A new day has come. Eine Schnulze, die mich zu einem wehrlosen 13-Jährigen macht. Ich möchte es eigentlich nicht gut finden, aber Celine fängt an, ihren sanften Song zu trällern und eine unsichtbare Hand schraubt an meinen emotionalen Sicherungen. Und während die kanadische Goldkehle sich dem hohen G-Punkt entgegen singt, werden meine Augen feucht und eine Euphorie stellt sich ein, wie beim Sonnenaufgang auf einem harten Nachtflug, wenn das Ende der Reise absehbar ist und die Heimat mit der warmen Umarmung meines Mannes naht.

Und vielleicht ist auch das ein Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen wissen einfach besser, dass der Blick eines geliebten Menschen, das, was „all in the eyes of a boy“  ist, genauso euphorisierend sein kann wie G oder lakenzerraufendes Sicherungsziehen. Und sie machen sogar noch tolle Lieder daraus, denn scheiß drauf: Ich liebe dieses Lied!

Heute, einen Tag bevor die Toupet gewordene Ablehnung von Diversität Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist es vielleicht umso wichtiger zu zeigen, dass Unterschiede dazu da sind, um voneinander zu lernen. Und das ist keine Ich-Botschaft. Es ist eine Aufforderung an meine geistigen Brüder, Schwestern und Unentschlossene, in den uns bevorstehenden dunklen Zeiten mit Trump, Le Pen, Höcke und Petry Kurs zu halten für die Vielfalt. Denn irgendwann kommt ein neuer Tag.

 

PS: Ist das Unterwäsche-Model im Video ab Minute 1:25 nicht der Knaller?


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Flow Job

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Die Party ist vorbei. Das schrieb neulich ein Kommentator unter einen Beitrag in einem Forum für Windows-Mobile-User. Und er hatte Recht.

Distinktion ist ein Verhalten, bei dem Menschen Aufwand auf sich nehmen, um sich von der Masse abzugrenzen, und sich selbst und anderen zu demonstrieren, dass sie sich  von ihnen unterscheiden. Und zugegeben, meine Entscheidung gegen ein iPhone oder Android-Modell  und für ein Windows Phone, hatte etwas mit Distinktion zu tun. So wie mein Wunsch, nicht auch noch meine Nacktbilder, meine Bewegungsmuster und mobilen Suchanfragen Google in den Deepthroat zu werfen (was ich vermutlich trotzdem tue).

Ein entscheidendes Kriterium beim Handykauf war natürlich, dass auch auf der Windows-Plattform Grindr zu Verfügung steht. Und so wie es zum Charakter des gelben Olymps der Marktkonformität passt, gab es natürlich von Grindr selbst keine App für dieses Nischen-Betriebssystem. Aber es fanden sich pfiffige Entwickler, die eine entsprechende Anwendung programmierten und das Fenster in die gelbe Welt auch für Windows User öffneten.

Bis irgendwann vor einigen Tagen die erste Fehlermeldung kam. Das passierte nicht zum ersten Mal. Aber als ich auch nach Stunden nicht online gehen konnte, stellte sich ein erstes Zittern der Hände ein. Mein Penis war auch schon ganz ängstlich. Entsprechende Suchen im Deepthroat brachten auch keine Meldungen über Serverausfälle von Grindr. Und die Gegenprobe auf dem Handy meines Freundes brachte den Beweis: Grindr funktionierte, nur meine App nicht mehr.

Ich habe eine Nachbarin, eine sehr kluge Frau, die mir einst erzählte, dass sie mit Hilfe von Tai Chi-Übungen ihren Drucker wieder zum Laufen brachte. Und auch ich habe schon die Beobachtung machen müssen, dass technische Geräte sehr wohl den Zustand ihrer User reflektieren. Gestresst „nur mal schnell“ etwas ausdrucken oder per Bluetooth übertragen zu wollen, führt in der Regel zielsicher zu Papierstau, Fehlermeldungen und Wünschen nach Updates. Der Flow ist gestört. Und meine Nachbarin brachte durch gezielte Bewegungen ihren Flow wieder in Ordnung: Und siehe da, der Drucker spuckte das gewünschte Dokument aus.

Um es kurz zu machen, auch eine Woche mit täglichen Sonnengrüßen vor meinem Telefon brachte keine Besserung. Ich war noch immer offline. Und mit der Mitteilung der App-Entwickler auf Twitter,  dass Grindr seine Sicherheitsarchitektur grundlegend geändert hat und nun kein Zugang mehr möglich ist, war klar: Die Party ist vorbei.

Und nun habe ich als schwuler Mann ein Handy ohne Grindr. Das ist so, als hätte ich einen HD-Fernseher, mit dem ich keine Pornos gucken, sondern nur noch Radio hören kann.

Und soll ich Ihnen was sagen? Es ist in Ordnung. War früher der Gedanke, dass ich meine Tage und Nächte in fremden Hotelzimmern ohne Room Service verbringen soll, so beängstigend wie eine Präsidentschaft Donald Trumps, so gewöhne ich mich langsam daran und entdecke die Vorteile, die ein erzwungener Verzicht haben kann. Statt ständig aktualisieren zu drücken und mir einzureden, dass ich nun jetzt aber in zehn Minuten endlich offline gehe, unternehme ich mehr mit meinen Kollegen. Und das fühlt sich gut an. Distinktion heißt eben nicht nur etwas zu tun, sondern auch etwas zu lassen.

Und es war bitter nötig, denn Grindr ging mir in der letzten Zeit ganz schön auf die Nerven.

Manchmal ist es eben das Universum, das die Bewegungen macht, um meinen Flow wieder in Ordnung zu bringen.


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Sex tells

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Es gibt wohl weniges, was Gefühle in einer Art Zeitkapsel konserviert wie Musik. So saß ich neulich verträumt vor meinem Computer und ließ mich leicht geistig erschöpft vom Youtube-Algorithmus davon schwemmen, als ich plötzlich hellwach wurde. Irgendwie war ich bei Roxette und ihrem nicht so mega Mega-Hit „(Do you get) Excited?“ gelandet. Blamiere ich mich sehr, wenn ich zugebe, dass ich dieses Lied so sehr geliebt habe, dass ich mich auf meine Hände setzen muss, um das Wort „geliebt“ nicht in Großbuchstaben mit Ausrufezeichen zu schreiben?

Und während ich seufzend auf die weichgezeichnete Marie Fredrikkson blicke, die in Zeitlupe ihre Augen vor einem Sonnenuntergang schließt, macht es opsala: Da steht sie. Nackt. Nur von einer Gardine umweht. Die Großbuchstaben locken wieder, zumal Roxette ja eigentlich recht gefällige, um nicht zu sagen klassisch-biedere-Mittelschichts-Depressions-vs.-gute-Laune-Musik gemacht haben. Und dann schrammt dieses Video süßlich säuselnd haarscharf an einem Busen-Blitzer vorbei.

Kritiker werden einwenden, warum es bei einem gemischtgeschlechtlichen Pop-Duo ausgerechnet wieder sie sein musste, die blank zieht. Da ist sicherlich etwas dran – aber möchten wir wirklich Per Gessles Haare im Ventilator sehen, den es brauchte, damit die Gardine nicht runter rutscht?

Daheim habe ich keinen Ventilator gefunden und war zu faul, die Gardine für ein neues Foto abzunehmen. Das Ergebnis sehen sie oben. Ich wollte mal was Neues. Nackt.

Narzisstisch? Vielleicht.

Aber das Excited-Video hat mir etwas klar gemacht: Betrachtet man das Schicksal von Marie Frederikkson, mit Hirntumor und dem ganzen Elend, das damit kam und das man das Leben nennt, so ist es wundervoll, dass ihre glanzvollen Jahre so viel Glanz hatten. Und die Intimität ihres nackten Körpers, ihre Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit, die in der traurig-erotischen Stimmung dieses Liedes liegen, bewegen mich noch heute.  „This moment is all you got in this race of life“.

Recht hat sie. Irgendwann werde ich mir dieses Foto ansehen und denken, dass diese Zeit, heute, vielleicht meine glanzvollste war.

Und Ihre auch. Also runter mit den Hosen und machen Sie was draus. Das ist immer aufregend.


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Echt jetzt?

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Oder wie man in meiner alten Heimat sagen würde: „Echt jetzte?“ Das dachte ich neulich bei Scruff, als ich auch nach zehn Minuten keine Antwort erhielt. Soweit nicht weiter verwunderlich, hier jedoch war dem Versenden des Facepics ein stundenlanges, durchaus heiteres Geplänkel vorangegangen, in dem es darum ging, das letzte Wort zu behalten, obwohl schon klar war, dass wir sexuell nicht recht zusammen passen würden. Das erfolgte sogar recht unterhaltsam und ich grinste beim Schreiben der Nachrichten à la „Du musst wohl auch immer das letzte Wort haben?“ „Jawohl.“ etc. Stundenlang kämpften wir und es war eine wirklich schöne Unterhaltung. Als ich mich schließlich breit schlagen ließ – denn bis jetzt chatteten nur zwei Torsos miteinander – und das Facepic von mir verschickte, tat ich dies, als mir versichert wurde, das sein Bild als Antwort käme.

Und nun raten Sie mal. Echt jetzt.

Also hakte ich ein weiteres Kapitel im Buch „How to get mad at the internet“ ab und schaltete mein Telefon aus. Irgendwie hab ich in letzter Zeit keinen Lauf, denn es ist nicht das erste Mal, das ich beim Online-Dating „Echt jetzt?“ dachte. Die Tendenz scheint gegen mich zu arbeiten.

Und als Ossi, der noch etwas sozialistische Schulbildung genoss, fällt mir beim Wort „Tendenz“ der gute alte Marx ein. Nicht nur Träger des größten Bartes in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften, auch einer der klügsten Köpfe, die je eine Schreibmaschine in die Hand bekommen haben.  Er entwickelte in seinem 3. Band des Kapitals die Theorie von der „Tendenz der fallenden Profitrate“. Oder vereinfacht ausgedrückt: Der Kapitalismus wird an sich selbst ersticken. Und das passiert nicht nur, weil er sich selbst so geil findet und versucht, sich selbst einen zu lutschen, sondern weil die darin handelnden Unternehmer gezwungen sind, immer mehr zu rationalisieren und mit Hilfe von Maschinen ihre Produktivität zu erhöhen. Weil aber der Profit und damit der Mehrwert in der Marxschen Theorie nur deshalb entsteht, weil die Arbeiter zu einem geringeren Preis arbeiten, als sie selbst erwirtschaften, verschwindet bei zunehmender Ersetzung der Arbeiter durch Maschinen, also mit zunehmender Profitabilität, auf lange Sicht die Grundlage für den Profit. So weit, so trocken. Der zugrundeliegende Mechanismus, dass etwas immer effektiver wird, aber immer weniger abwirft, müsste doch eigentlich nicht nur bei mir „brrrt“ im Kopf machen.

Gibt es eine aktuell automatischere Kopulationsanbahnung als schwule Geilsender wie Gayromeo oder Grindr? Und haben wir jemals mit mehr zeitlichem Aufwand weniger Hormone als heute ihrem Ziel zugeführt?

Wenden Sie jetzt ein, dass ich vielleicht einfach eine alte Schachtel bin, die auf dem Markt keinen Abnehmer mehr findet, so blicken Sie bitte auf das Bild oben. Für den Markt trage ich meine Haut gerne auf den selbigen. Daran kann es also nicht liegen.

Es muss also etwas dran sein, an der Marxschen Theorie. Dieser große Geist meinte übrigens, dass der Niedergang des Kapitalismus krisenhaft erfolgt. Und wer schon mal heulend das Klistier durch das Bad geworfen hat, weil die nächste Nachricht mit „Sorry, aber…“ begann, der weiß, was eine Krise ist.

Marx sah die Lösung in der Überwindung des Kapitalismus, indem die Proletarier aufstehen und sich gegen ihre Ausbeutung und Ausgrenzung wehren. Solidarität nannte er das. Und auch wenn meine Kohorten-Genossinnen und -Genossen beim Wort „Solidarität“ aufstöhnen werden, so oft hat die DDR uns dieses Wort eingetrichtert, so glaube ich, dass es tatsächlich unsere einzige Chance ist, nicht in den Abgrund gerissen zu werden, der sich spätestens mit der Wahl von Donald Trump vor uns auftut.

Und die fängt schon bei Grindr an. Wenn Mann sowieso keine Zeit für ein Date hat, sollte man so viel Takt besitzen, dies offen zu kommunizieren. Wenn der andere einem nicht gefällt, nachdem dieser einem ein Facepic geschickt hat, ist es unethisch, es sich leicht zu machen und ihn zu blockieren, während dieser auf eine Antwort wartet. Wenn man einem Date zugestimmt hat, hat man auch zu erscheinen. Es sind die kleinen Dinge, die eine Gesellschaft prägen.

Und es geht darin weiter, dem alten Irrglauben, dass nur jeder an sich selbst denken muss, damit an alle gedacht ist, endlich verdient Lebwohl zu sagen. Dass das nicht funktioniert, zeigen nicht nur die ständigen Bankenkrisen. Ein Blick auf eine typische „Wer-schickt-zuerst-sein-Pic“-Situation im Chat hätte gereicht, um weitaus kostengünstiger zu zeigen, wie absurd dieser Gedanke ist. Kooperation, nicht Konkurrenz, ist das Gebot der Stunde. So etwas wie Rödeln mit Freunden, oder Genossenschafts-Sex.

Es geht darum, mehr zu tun, als man eigentlich müsste, denn nur das schafft einen Mehrwert. So wie der Bottom, der sich in einem Bumsschuppen der alten Schule auf alle viere hockt und das Risiko eingeht, schlechten Sex zu haben oder von jemandem begrabscht zu werden, den er nicht mag. Er geht das Risiko eines Verlusts ein, er könnte ja auch einfach warten. Aber wenn es klappt und der Funke, den er versprüht, ein Feuer entzündet, wärmt dies alle Beteiligten. So wie es der erwirtschaftete Mehrwert in der Marxschen Theorie tut.

Solidarität. So einfach ist das. Michel Houellebecq, Frankreichs ketterauchendes Großhirn, nannte diese Art von Sex einmal sozialdemokratischen Sex. Alle stecken etwas zurück, aber alle bekommen mehr heraus, als wenn jeder nur an sich denkt. Interessanterweise meint Houellebecq, dass gerade die Deutschen eine besondere Begabung für sozialdemokratischen Sex hätten.

Ist es also mal wieder Zeit, dass eine Idee zur Rettung der Welt aus Deutschland kommt? Packen wir es an. Echt jetzt.


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Grindr at the discothek

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Es gibt so Lieder, die haben einfach alles: dezent verspielt erotische Andeutungen, einen zeitlosen Disco-Beat und zwei mutmaßlich naive spanische Gänse mit Außenfönwelle, die kein Englisch sprachen und daher keine Ahnung hatten, dass der Produzent, der sie da auf die Bühne gestellt hatte, ihnen die bis dato unverblümteste musikalische Kopulationsaufforderung unter die ansehnlichen Hintern komponiert hat.

Kenner der  Materie schwingen bereits die Hüften und summen lasziv die Eröffungsvocals von Baccaras „Yes Sir, I can Boogie“ mit. Für mich ein Lied mit einer so guten antidepressiven Wirkung, dass es eigentlich rezeptpflichtig sein müsste. Schon öfter habe ich bedauert, dass ich zwar noch in den 70ern geboren, aber nicht gelebt habe. Ich hätte mit Sicherheit geraucht, getanzt und gevögelt, dass die Baccara-Rosen errötet wären.

Es gibt so Grindr-Profile, die haben einfach alles: ein ansehnliches Foto, einen potentiell terminplanfüllenden Radius von anderen Profilen und einen User, der es mag, mit frivol kaschierten Kopulationsaufforderungen andere User unter seinen ansehnlichen Hintern zu kommunizieren.

Kenner der Materie überlegen sich, dass beides doch zusammen zu bringen sein müsste. Also öffnen sie das Bearbeiten-Feld, tippen einige Textzeilen á la „No Sir, I don’t feel very much like talking“ ein und reiben sich grinsend die Hände. Und einige Minuten später bedauere ich es wieder, nicht in den 70ern gelebt zu haben, denn in unserer Zeit wird nicht mehr geraucht, wohl auch weniger getanzt. Und das mit dem Vögeln gestaltet sich auch schwierig – nicht zuletzt, weil Grindr meine Profiländerungen nicht akzeptiert hat. Es war ihnen wohl zu „sexually offensive“. Dabei habe ich ausschließlich Textzeilen aus diesem Lied verwendet. Was in den 70ern ein riesiger Hit war, ist heute auf schwulen Online-Plattformen, auf denen Mann zwar „Right now“ aber keinen Sex suchen darf, tabu.

Es gibt so Blogbeiträge, die haben einfach alles: einen schönen Aufmacher mit Musik, eine Begebenheit schwuler Selbstzensur und einen Autor, der es mit einem gewissen Gefühl von lebendiger Widerständigkeit hinnimmt, von Grindr zensiert zu werden.

Kenner der Materie sind aber genauso ratlos wie er, wie man angesichts dieser deprimierenden Entwicklungen reagieren soll. Also drehen sie seufzend die Musik auf und entdecken die Textzeile „But I will give it one more chance“. Wieder auf Bearbeiten gegangen und die unverblümte Kopulationsaufforderung durch das Streichen einiger Zeilen etwas verblümt. Und voila! – schwingen sie ihren ansehnlichen Hintern zum Boogie Woogie all night long.

Die Prüderasten von Grindr mögen zwar am längeren Hebel sitzen, aber wenn mein Hebel lang wird und die Musik angeht, halte ich es mit Baccara: Man muss schon sagen, was man will, um es zu bekommen. Und wenn es durch die Rose ist.


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Schuld und Gelnägel

Daniela Katzenberger dürfte vor Neid die Wimperntusche verblassen. Das dachte ich, als ich das Spa verließ und im schummerigen Straßenlicht von Ubud (Eat, Pray, Love-Sehnsuchtsort auf Bali) meine Fingernägel glitzern ließ.
Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Neben der Herrschaft über die Augenringe ist eine weitere, etwas unangenehmere Begleiterscheinung meines Berufs das permanente Einreißen der Nagelbetten meiner Finger. Die trockene Luft im Flieger und die durchgemachten Nächte fordern ihren Tribut.

Eine angenehmere Begleiterscheinung meines Berufs ist hingegen die Möglichkeit, viel und relativ günstig zu verreisen. Warum also nicht beides verbinden und zur Maniküre nach Bali fliegen?

Na gut, so ganz der einzige Grund für die Wahl meines Urlaubsorts waren die Nagelbetten natürlich nicht – das Fernweh meines Freundes gepaart mit seinem hinreißenden Augenaufschlag brachten mich dazu, obwohl grausam erschöpft nach einem beruflichen Flug nach Tokio, gleich am nächsten Tag nach Indonesien zu fliegen. Und die neidischen Blicke meiner KollegInnen, als ich ihnen von meinen Urlaubsplänen erzählte.

Erst beim Blick auf die Weltkarte des Inflight-Entertainment-Bildschirms, nachdem über die Bordlautsprecher eine überraschend lange Flugzeit verkündet wurde, begriff ich, dass diese Insel nicht kurz hinter Singapur liegt, sondern eher ein Vorort von Australien ist. Und nach 24 Stunden, in denen ich viel über die Worte „Geographiekenntnisse“ und „Scheidung“ nachdenken konnte, landeten wir schließlich auf Bali.

Und dort traf ich Linda. Linda war zarte 17 Jahre alt, hatte ein Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringt und widmete sich mit Hingabe meinen geschundenen Händen. Dass wir aus Deutschland kamen, begeisterte sie sehr, weil sie in der Schule ihres kleinen Dorfes deutsch lernte. Unbedingt, wollte sie einmal in dieses seltsame Land des Schnees und der Weihnachtsmärkte. Verrückt, oder?

Fast so verrückt wie ihre Aussage, dass ihr die 26 Grad Außentemperatur zu kühl wären, um etwas zu unternehmen. Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass Deutschland, gemessen an diesen Maßstäben, ein bewohntes Freilufttiefkühlfach ist.

Und dann gefror noch etwas: Als ich Linda beim Polieren meiner Nägel fragte, ob sie in der Schule noch immer Deutsch lernt, blickte sie verschämt zu Boden. Sie murmelte, dass die Schule hier in Indonesien sehr teuer ist und sie und ihre Eltern viel Geld dafür bezahlten, ihre zwei Brüder zur Schule zu schicken. Deswegen würde sie nun in diesem Nagelstudio arbeiten. Als sie mich dann fragte, ob zum Abschluss farbloser Nagellack in Ordnung wäre, konnte ich nur noch schlucken und nicken. Und sie beendete gewissenhaft, sozusagen deutsch, ihre Arbeit und meine Hände sahen danach aus, als würde zu ihnen ein strassbesetztes iPhone gehören.

Man sollte einfach immer aufpassen, ob man sich den Neid anderer wünscht. Es geht ganz schnell, und man fühlt sich wie ein Riesen-Arschloch. Mit glitzernden Fingernägeln. Für einen männlichkeitssensiblen schwulen Mann sind gemachte glitzernde Nägel ein absolutes No-Go und im puncto Fuckability natürlich Höchststrafe.

Für mich sind sie eine Erinnerung, dass meine Probleme mit Fingernägeln und Fuckability eigentlich keine sind.